Neurasthenie

Autor: Dipl.Psych. Christian Hilscher, Copyright

Die Neurasthenie oder Nervenschwäche

Veraltete Definition der Neurasthenie

Von Prof. Dr. E. Heinrich Kisch in Prag-Marienbad.

Veraltete Definition zu: Neurasthenie. Folgende Erläuterungen zur Neurasthenie sind teilweise nicht mehr aktuell oder veraltet, und vielleicht nicht mehr anwendbar, aber teilweise sehr lehrreich (und trotzdem aufschlußreich).
Die neue Definition der Neurasthenie (ICD 10).

Als Nervenschwäche, Neurasthenie, bezeichnet man jenen abnormen Zustand des Nervensystems, der sich im Wesentlichen und in erster Reihe durch erhöhte Reizbarkeit und herabgeminderte Leistungsfähigkeit der Nerven kennzeichnet. Es kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, die feine und vielgestaltige Organisation des Nervensystems näher zu schildern und das Detail anzugeben über die nervösen Apparate des Gehirnes, des Rückenmarkes und der Nerven, durch welche die Seelenthätigkeit, das Bewußtsein, die Empfindung, das Denken, Fühlen und Wollen, die der Willkür unterworfenen und unwillkürlichen Bewegungen, die ernährenden und absondernden Vorgänge im Organismus zu Stande gebracht werden.

Nur so viel sei erwähnt, daß all dies vorerst auf der Fähigkeit der Nerven beruht, durch Reize in erregten Zustand versetzt zu werden, Reize, welche vom centralen Nervensystem ausgehen oder die Endausbreitungen der Sinnes- und Gefühlsnerven treffen und welche mannigfaltiger Natur, mechanischer, thermischer, chemischer Art sein können.

Damit die Nerven durch solche Reize in eine normale, dem Zwecke der Nervenfunktion entsprechende Erregung versetzt werden, müssen in der Nervensubstanz reguläre Ernährungsvorgänge stattfinden. Sobald diese letzteren, aus welchem Anlasse immer, beeinträchtigt sind, leidet auch die Arbeitskraft der Nerven. Wenn die Ernährung der Nerven in unzureichendem Maße erfolgt, so ist Erhöhung ihrer normalen Erregbarkeit gewöhnlich die erste Folgeerscheinung. Bei länger dauernder wesentlicher Beeinträchtigung der Nervenernährung wird die Erregbarkeit der Nerven unter die Norm herabgesetzt, ja unter Umständen völlig aufgehoben und vernichtet.

Der Anlässe, durch welche die Ernährungsvorgänge in den Nerven leiden, giebt es gar viele. Sie können in schlechter Blutbeschaffenheit, in krankhaftem Stoffwechsel, in übermäßiger Anstrengung der Nerven, in gehäufter Erregung ohne Ruhepausen, überhaupt in jeder unzweckmäßigen Lebensweise gelegen sein.

Darum tritt die Nervenschwäche so häufig als Begleiterin der mannigfachen fieberhaften wie fieberlosen (chronischen) Erkrankungen auf. Deßhalb ist dieser Zustand auch beiden Geschlechtern [11] gemeinsam, wenngleich naturgemäß bei dem „zarten Geschlechte“ häufiger auftretend, als bei dem männlichen.

Daß die Neurasthenie in den sogenannten gebildeten Kreisen der Großstädter, unter den oberen Zehntausend, weit häufiger herrscht als auf dem Lande, unter Arbeitern und Oekonomen, findet in dem Umstande Erklärung, daß bei den Letzteren glücklicherweise den Nerven noch keine übernatürlich große Rolle eingeräumt zu werden pflegt.

Die Neurasthenie, nebenbei bemerkt ein Zustand, welcher schon vor Jahrtausenden, wenn auch nicht so oft wie in der Gegenwart, den Menschen heimsuchte, giebt sich durch die verschiedenartigsten Zeichen und Erscheinungen kund, welche, in so bunter Gestalt sie immer auftreten, doch nur darauf beruhen, daß das Nervensystem durch geringe Reize, also bei scheinbar unbedeutenden Anlässen rasch und hochgradig in Erregung versetzt wird, daß es seine Widerstandskraft mehr oder minder eingebüßt hat und daß es nach kurzer Zeit seiner Thätigkeit in Ermüdung verfällt, welche bis zur Erschöpfung herabsinken kann.

Solch geschwächtes Nervensystem vermag sich gegen krankmachende Ursachen nicht energisch zu behaupten, und so bietet die Nervenschwäche häufig genug den Ausgangspunkt ernster Nervenleiden und Geisteskrankheiten. Nervenschwache Personen sind schon durch ihr Auftreten und Benehmen, durch ihr Wesen und Gebahren kenntlich.

Ihre hohe Reizbarkeit und gesteigerte Empfindlichkeit, ihre körperliche und geistige Unruhe, ihr rascher Wechsel in Empfindung und Anschauung, ihre leichte Ermüdung giebt sich äußerlich genugsam kund. Sie vermögen nicht lange auf einem Platze ruhig zu bleiben, sie lieben in ihren Arbeiten und Erholungen die Abwechslung, sind durch Kleinigkeiten in Zorn und Erregung zu bringen und bereuen schnell wieder diese Aufwallung, zeigen große Launenhaftigkeit, in derselben Stunde oft ohne ernsten Anlaß himmelhoch jauchzend und dann wieder zu Tode betrübt.
Quelle: Die Gartenlaube (1887)

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