EpilepsieEpilepsie - BegriffsklärungMeyers Konversationslexikon zu: Epilepsie. Folgende Erläuterungen zur Epilepsie sind teilweise nicht mehr aktuell oder veraltet, und vielleicht nicht mehr anwendbar, aber teilweise sehr lehrreich (und trotzdem anwendbar).Epilepsie - Definition, Symptome, ErläuterungenMehr zur Epilepsie, Therapie EpilepsieEpilepsie Epilepsie (griech., "Angriff, Anfall", Fallsucht, böses Wesen, böse Staupe, Morbus sacer, franz. Haut-mal), eine chronische Krankheit des Nervensystems, welche deshalb zu den sogen. reinen Neurosen (siehe auch Literatur zu Neurosen) gerechnet wird, weil man keine derselben zu Grunde liegenden gröbern anatomischen Veränderungen des Nervenzentralorgans kennt.
Im eigentlichen Greisenalter sowie in den ersten Lebensmonaten kommt Epilepsie kaum vor. Die wichtigste Rolle in der Ätiologie der Epilepsie spielt unverkennbar eine gewisse angeborne Anlage, welche sich wohl bei einem Drittel aller Kranken nachweisen läßt. Denn Epilepsie kommt vorzugsweise bei solchen Individuen vor, welche von Eltern, namentlich Müttern, abstammen, die von der gleichen Krankheit befallen waren, aber auch bei solchen, deren Eltern oder Großeltern an Geisteskrankheiten oder Trunksucht gelitten haben. In manchen Familien leiden zahlreiche Glieder mehrerer Generationen an Epilepsie Zuweilen bleibt eine Generation frei davon, und nicht die Kinder der epileptischen Eltern, sondern erst die Enkel werden wieder epileptisch. Herabgekommene und schwächliche Individuen, Säufer und Onanisten erkranken häufiger an der Epilepsie als gesunde und kräftige Menschen; allein auch diese bleiben nicht gänzlich davon verschont. Als Gelegenheitsursache zum Ausbruch der Epilepsie müssen in erster Linie heftige psychische Erregungen, Schreck, Furcht und namentlich auch der Anblick Epileptischer, genannt werden. In manchen Fällen scheint die Epilepsie bedingt zu sein durch gewisse anatomische Veränderungen des Gehirns und seiner Hüllen, z. B. durch Geschwülste, welche auf das verlängerte Mark drücken, durch behindertes Wachstum des Gehirns bei vorzeitiger Verknöcherung der Schädelkapsel. Auch durch den Druck, welchen Geschwülste auf peripherische Nerven ausüben, hat man zuweilen Epilepsie entstehen sehen. Endlich können abnorme Erregungszustände der Empfindungsnerven unter Umständen zur Epilepsie führen. So kann der Reiz der Eingeweidewürmer oder Reizungszustände der Gebärmutter Epilepsie veranlassen. Die Epilepsie besteht aus einzelnen Anfällen oder Paroxysmen. Der Anfall wird bei manchen Kranken regelmäßig oder doch gewöhnlich durch eine sogen. Aura eingeleitet, d. h. der Kranke hat die Empfindung, als ob er angehaucht würde, und diese Empfindung steigt von den Händen oder Füßen nach dem Kopf zu auf und geht sofort in den Anfall selbst über. Häufiger noch leitet ein Gefühl des Kribbelns, der Wärme, der Erstarrung oder eines eigentümlichen Schmerzes an den verschiedensten Körperstellen, welche von da bis zum Gehirn fortschreiten, den Anfall ein. In andern Fällen gehen Zuckungen oder Lähmungen einzelner Glieder (motorische Aura), Halluzinationen, Funken- und Farbensehen, Ohrensausen, Wahrnehmung gewisser Geräusche, Schwindel u. dgl. dem Anfall voraus. Bisweilen läßt sich der Ausbruch eines epileptischen Anfalles verhüten, wenn man die Stelle, an welcher die Aura auftritt, durch ein festes, oberhalb derselben angelegtes Band umschnürt. Den Ausbruch des Anfalles, mag demselben eine Aura vorausgegangen sein oder nicht, bezeichnet gewöhnlich ein greller Schrei, mit welchem der Kranke plötzlich besinnungslos zu Boden stürzt. Er hat fast nie Zeit, sich auf den Fall vorzubereiten, sondern er fällt rücksichtslos, oft an den gefährlichsten Stellen. Daher tragen die Epileptiker nach längerm Bestand der Krankheit fast regelmäßig die Spuren mehr oder minder schwerer Verletzungen an sich. Nach dem Hinstürzen treten gewöhnlich zunächst mehr tonische Muskelkontraktionen, eine Art starrkrampfähnlichen Zustandes, ein, wobei der Kopf rückwärts und seitwärts gezogen, der Mund fest geschlossen, die weit geöffneten Augen nach oben und innen gerollt, der Brustkorb festgestellt und die Atmungsbewegungen zum Stillstand gebracht werden. Nach wenigen Momenten stellen sich aber bereits klonische, d. h. Schüttelkrämpfe ein, welche sich schnell über den ganzen Körper verbreiten. Das Antlitz gerät in lebhafte Bewegung, die Kiefer werden unter Zähneknirschen gewaltsam aufeinander gepreßt und hin- und hergerissen, wobei nicht selten die Zunge verletzt und fast regelmäßig Schaum vor dem Mund gebildet wird.
Das Bewußtsein ist während der ganzen Dauer des Anfalles so vollständig erloschen, daß der Kranke selbst auf die schmerzhafteste Verletzung durchaus nicht reagiert. Nachdem der Anfall 1-10, höchstens 15 Minuten gedauert hat, erlischt er bald allmählich, bald plötzlich. Sehr oft beschließt eine lange seufzende Ausatmung den Anfall; seltener endet er mit Erbrechen, Aufstoßen, Abgang von Blähungen u. dgl. Gewöhnlich verfallen die Kranken unmittelbar nach dem Anfall in einen tiefen Schlaf mit langsamer und geräuschvoller Atmung. Weckt man sie aus dem Schlaf, so pflegen sie verstört und ängstlich um sich zu blicken und finden sich schwer in ihrer zufälligen Situation zurecht. Ihr einziges Streben geht dahin, daß man sie fortschlafen lasse. Am andern Morgen sind sie zwar noch etwas angegriffen und verdrießlich, können aber ihren gewöhnlichen Verrichtungen wieder nachgehen. Von dem geschilderten Verlauf eines Anfalles kommen zahlreiche Abweichungen vor, welche sich auf die Dauer, die Heftigkeit und die Verbreitung der Schüttelkrämpfe beziehen. Zuweilen sind die Anfälle so leicht, daß die Kranken selbst sie nicht merken und auch die Umgebung nur aufmerksam wird, wenn die Befallenen Gegenstände, die sie gerade in der Hand haben, fallen lassen oder plötzlich in der Rede stocken oder aus den Reden andrer gewisse Bruchstücke nicht gehört haben. Man bezeichnet diese übrigens immer mit Bewußtlosigkeit verbundenen Zustände als "epileptischen Schwindelanfall". Meyers Konversations-Lexikon, 3. Auflage von 1878 Dieser Text darf nicht zur Selbstdiagnose oder Behandlung verwendet werden, und ersetzt auf keinen Fall den Besuch beim Arzt, Psychologen oder Psychotherapeuten. |
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