Borderline

Psychische Störungen - Borderline - Borderline-Störung

Überblick über Borderline und was weitläufig darunter verstanden wird.

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Borderline-Störung ist in der Öffentlichkeit bekannt als "die Krankheit, bei der sich die Leute die Arme aufschneiden". Aber nicht jeder, der eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hat, ritzt sich die Arme auf. Und nicht jeder, der sich die Arme aufritzt, hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Diese Krankheit ist sehr vielschichtig.
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung gehört zu den Persönlichkeitsstörungen, was bedeutet, dass ganz normale Eigenschaften, die bei vielen Menschen vorkommen, hier in extremer Stärke und überdauernd über verschiedene Situationen und lange Zeiträume hinweg bestehen.
Hauptsymptome bei einer Borderline-Störung sind vor allem die Instabilität von Beziehungen, Stimmungen und Selbstbild. Es herrscht kein einheitliches Bild vor, das Krankheitsbild ist von Person zu Person verschieden.

Entstehung des Begriffes "Borderline"

Das Wort "Borderline" bedeutet zunächst einmal nur "Grenzfall" (von engl. Border = Grenze) Früher hieß es, die Borderline-Persönlichkeitsstörung wäre eine Störung an der Grenzlinie zwischen Neurose und Psychose. Dies wurde aber später widerlegt, da sich Psychotische Symptome nur nach schweren Belastungssituationen zeigen und auch nur von kurzer Dauer sind. Tatsächlich ist das Borderline-Syndrom eine eigenständige Krankheit mit einer Vielzahl von Symptomen, die von Person zu Person verschieden sind.

Symptome der Borderline-Störung

Die Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung nach DSM IV (301.83) lauten, wobei mindestens 5 der 9 Punkte für eine Diagnosestellung zutreffen müssen:

· verzweifeltes Bemühen, ein reales oder imaginäres Verlassenwerden zu verhindern
· intensives Muster von instabilen, intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den beiden Extremen Überidealisierung und Abwertung gekennzeichnet ist
· anhaltend und deutlich gestörtes, verzerrtes oder instabiles Selbstbild
· Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Aktivitäten, zum Beispiel Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, Ladendiebstahl, rücksichtsloses Autofahren, Fressanfälle.
· wiederholte Selbstmorddrohungen, Gesten oder Versuche oder selbstverstümmelnde Verhaltensweisen
· Instabilität im affektiven Bereich: ausgeprägte Stimmungsschwankungen, zum Beispiel Euphorie, Reizbarkeit oder Angst (ein paar Stunden andauernd, selten länger als einige Tage)
· chronisches Gefühl der Leere
· übermäßige, starke Wut oder Unfähigkeit, die Wut zu kontrollieren, zum Beispiel häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte Prügeleien
· vorübergehende, stressabhängige schwere dissoziative (Erklärung siehe weiter unten) Symptome oder paranoide Wahnvorstellungen



Im ICD 10 wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung unter F60.3 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung eingeordnet.
Zur Emotional instabilen Persönlichkeitsstörung gehören die Symptome:

· deutliche Tendenz, impulsiv zu handeln ohne die Konsequenzen zu berücksichtigen
· wechselnde, instabile Stimmung
· geringe Fähigkeit zum Vorausplanen und Ausbrüche von intensivem Ärger können zu gewalttätigem Verhalten führen (oft ausgelöst, wenn impulsive Handlungen von anderen kritisiert oder behindert werden). Borderline-Syndrom
Dabei gibt es zwei Erscheinungsformen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung: impulsiver Typus und F60.31 Borderline Typus:
zusätzlich zu einigen Merkmalen emotionaler Instabilität sind das eigene Selbstbild, Ziele und innere Präferenzen (auch der sexuellen) unklar und gestört. Meist besteht ein chronisches Gefühl innerer Leere. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen führt zu wiederholten emotionalen Krisen mit übermäßiger Anstrengung, nicht verlassen zu werden, und Suiziddrohungen oder selbstschädigenden Handlungen (auch ohne deutliche Auslöser).

Statistik

In Deutschland sind etwa 2 - 3% der Erwachsenen von der Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen. Dabei gibt es etwa 3 x so viele Frauen wie Männer. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Frauen auf traumatische Erlebnisse in der Kindheit (die als eine der Ursache angenommen werden) eher mit klinischen Symptomen reagieren, während Männer eher zu kriminellen Handlungen neigen, was zur Diagnose der Dissozialen oder Antisozialen Persönlichkeitsstörung führt (während bei gleichen Symptomen einer Frau Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden würde). Es kann vermutet werden, dass diese Krankheit oft nicht erkannt bzw. als eine andere Psychische Störung diagnostiziert wird.

Abgrenzung zu anderen Psychischen Störungen

Stimmungsschwankungen zwischen Depression und Manie gibt es auch bei den Bipolaren Störungen (früher: manisch-depressive Störungen), wobei diese Stimmungen jeweils mehrere Wochen anhalten, während die Phasen bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung sehr viel kürzer sind (Stimmungsschwankungen binnen Sekunden).
Psychotische Symptome ohne direkten Auslöser und über längere Zeitspannen hinweg kommen bei der Schizophrenie vor.
Durch die Häufung der traumatischen Erfahrungen in der Kindheit gibt es auch Überschneidungen mit der Posttraumatischen Belastungsstörung. Die Vermutung, dass Männer eher zu den Kriterien einer Antisozialen Persönlichkeitsstörung neigen, wurde oben schon erwähnt. Die intensiven, unkontrollierbaren Wutausbrüche führen zu verbalen und tätlichen Angriffen. Folge davon sind Probleme mit dem Gesetz und Inhaftierungen.

Verlauf der Borderline-Störung

Die Störung beginnt in der Jugendzeit oder im frühen Erwachsenenalter (eine Persönlichkeitsstörung wird erst bei Personen über 18 Jahren diagnostiziert). Im Alter von 30 bis 40 Jahren werden die Symptome weniger ausgeprägt.
Die Problematik in zwischenmenschlichen Beziehungen zeigt sich auch in der Therapie. Der Therapeut wird anfangs hochgelobt, sobald er "Kritik" übt, wird jedoch auch er "verlassen", d.h. die Therapie wird abgebrochen.
Etwa 10% der Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung bringen sich selbst um.

Ursachen der Borderline-Störung

Es gibt nicht die eine Ursache für eine Borderline-Erkrankung, sondern eine Vielzahl von möglichen Ursachen:

· angeborenes Temperament:

stark ausgeprägte Emotionen, Impulsivität, Sensibilität

· traumatische Erfahrungen:

bei einem sehr hohen Prozentsatz finden sich in der Kindheit traumatische Erfahrungen wie sexueller und/oder körperlicher Missbrauch. Aber auch Scheidung der Eltern, Tod eines Elternteils, Vernachlässigung / Verwahrlosung, Arbeitslosigkeit und Armut, chaotische Unvorhersehbarkeit, Gewalt und Drogenmissbrauch der Eltern schaffen ein Klima in der Familie, das für Kinder langanhaltende, schlimme Erfahrungen bereithält.

· Erziehungsstil der Eltern:

verschiedene Erziehungsstile begünstigen bei einer entsprechenden Veranlagung die Entstehung einer Borderline-Persönlichkeit. Dazu gehören ein inkonsistenter Erziehungsstil mit ständig wechselnden Grenzen und Konsequenzen, Überengagement (übermäßige Nähe zwischen Mutter und Kind, bei der aber eher das Kind die Bedürfnisse der Mutter nach Zuwendung erfüllen muss; Unfähigkeit zur Abgrenzung) und Unterengagement (emotionale Vernachlässigung, mangelnde Empathie). Manchmal sind die später auftretenden Symptome nur das Ergebnis einer Anpassung an das Familienklima. Das Kind konnte anfangs seine eigenen Gefühle vielleicht erkennen und korrekt benennen. Die Eltern haben ihm diese aber nicht bestätigt, sondern es sogar vom Gegenteil überzeugt. "Ich bin jetzt traurig" - "Nein, das bist Du nicht. Du hast doch gerade dieses schöne Geschenk bekommen. Du bist fröhlich!". Nun kann das Kind seinen eigenen Gefühlen nicht mehr trauen, denn die Eltern sind ja viel schlauer und wissen es besser. Folgerichtig muss das Gefühl in seinem Inneren Fröhlichkeit sein und nicht Trauer, es muss sich selbst geirrt haben. Wenn ein "braves" Kind nie "laut" oder "wütend" sein darf, unterstützt diese Einstellung die Spaltung von Objekten in Gut und Böse. Da das Kind ja brav sein will, muss es seine unguten Gefühle abspalten und verdrängen. Auch die Verleugnung von negativen Seiten der Eltern (bzw. das entsprechende Verbot), verringert die Fähigkeit, dass später anerkannt wird, dass eine Person gleichzeitig positive und negative Eigenschaften haben kann.

Ursachen Borderline

Mehrere Symptome hängen miteinander zusammen, bzw. eine Eigenschaft (zum Beispiel Impulsivität) hat Auswirklungen auf mehrere Bereiche (zum Beispiel auf Partnerschaften, Beruf und Selbstbild):

Borderline und Partner

Für Borderliner ist die Welt nur schwarz oder nur weiß, es gibt keine Zwischenabstufungen, kein Grautöne. Entsprechend sind auch Menschen nur gut oder nur schlecht. Gute und schlechte Eigenschaften der gleichen Person können nicht gleichzeitig akzeptiert werden. Ein neuer Partner wird anfangs vergöttert und idealisiert. Macht er jedoch etwas, was nicht ins Bild passt, wird er sofort gehasst und vollständig abgewertet. Dann werden keine positiven Eigenschaften mehr gesehen. Zieht dieser Partner sich dann nach einem Wutausbruch, den er nicht verstehen kann, zurück, brechen beim Borderliner jedoch sofort massive Verlassenheitsängste aus. Er kann das Alleinsein nicht ertragen, aber auch nicht zuviel Nähe. Daraus resultieren intensive, aber instabile Beziehungen, die durch mehrfache Trennungen und anschließende Versöhnungen gekennzeichnet sind, in denen es nicht ruhig und erholsam zugeht, sondern in denen ein ständiger Wechsel zwischen Katastrophe und Versöhnung herrscht.
Für die Partner zeigt sich hier eine besondere Belastung. Sie stehen ständig unter Strom. Sie wissen nie, wie lange die gute Stimmung anhält und wann der nächste Wutausbruch kommt. Meist haben sie keine Ahnung, was sie denn nun schon wieder falsch gemacht haben sollen. Darum gibt es schon viele Selbsthilfegruppen für Angehörige.

Borderlinestörung und Trennungsangst

Kinder, die schon in frühen Jahren eine Trennung mitmachen mussten, kennen das Gefühl des Verlassenwerdens. Als Erwachsene tun sie dann alles, um dieses bekannte Gefühl schon im Keim zu ersticken. Der Partner muss also schon manipuliert werden, bevor ihm der Gedanke an eine Trennung überhaupt das allererste Mal kommt. Schon das (begründete) Zuspätkommen des Partners kann massive Ängste auslösen. Eifersucht, Vorwürfe und Zweifel an der Liebe des Partners, wenn dieser sich aus Angst vor den ständigen Szenen zurückzieht, verschärfen die Paarkonflikte noch zusätzlich. Wollen die Partner dieses Spiel nicht mehr mitmachen und sich trennen, versucht der Borderliner das mit Hilfe von Wutanfällen, Manipulationen, Drohungen und auch mit Suizidversuchen, zu verhindern. Borderliner suchen Nähe, weil sie das Alleinsein nicht ertragen können. Aber sie kommen mit Nähe auch nicht zurecht. Borderline und Partner

Borderline und impulsives Verhalten

Impulsives Verhalten führt zu Gefahren im Straßenverkehr (zu schnelles, aggressives und rücksichtsloses Fahren), zu Geldproblemen (teure Spontankäufe), Selbstverletzendem Verhalten (Ritzen oder Verbrennungen) und Drogenmissbrauch (Alkohol und illegale Substanzen). Schon ganz kleinen Kindern wird beigebracht, nicht einfach ihren Impulsen nachzugeben: man rennt nicht einfach auf die Strasse, man darf während der Schulstunden nicht einfach aufstehen und man nimmt sich nicht etwas, ohne zu fragen.
Normalerweise geben Menschen aufkommenden Impulsen nicht einfach nach, wenn die Handlung langfristige negative Folgen hätte. Es wird eine Kosten-Nutzen-Analyse gemacht, ob man nicht vielleicht besser kurzfristig auf etwas verzichtet, um ein besseres Ziel später erreichen zu können. Auch wenn das neue Kleid, das tolle Auto oder die neue Küche wirklich verlockend sind, verkneift man sich spätestens bei dem Gedanken daran, dass man auch am Letzten des Monats noch Geld für Lebensmittel braucht, diese Wünsche. Ein Mensch mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung hat es schwerer mit dieser Entscheidung. Seine Neigung zu impulsivem Verhalten lässt ihm nicht lange Zeit für Überlegungen. Seine innere Leere will betäubt werden. Sein Selbstwertgefühl wird durch materiellen Luxus gestärkt. Der Drang, das Objekt zu besitzen, ist nicht zu bekämpfen. Steht er nun später vor dem Problem, dass er kein Geld mehr hat, um die Miete zu bezahlen, so verhindert die Tatsache, dass er keine Verantwortung für eigenes Handeln übernehmen kann, einen Lernerfolg, so dass sich solche Situationen häufen.

Borderline und Wutausbrüche

Eine unangemessen starke Wut im Inneren führt in Verbindung mit impulsivem Verhalten zu häufigen Wutausbrüchen und Gewalttätigkeiten. Oft ist dies aber auch ein Verhalten, das erlernt wurde. Entweder konnte es als Kind bei den eigenen Eltern beobachtet werden (zum Beispiel bei sich schlagenden Eltern) oder es erwies sich auch als eigene Verhaltensmöglichkeit als effektiv und wurde somit positiv verstärkt. Fühlte sich der Säugling unruhig, so konnte er durch lautes Schreien dafür sorgen, dass seine Pflegepersonen sich um ihn kümmerten. Da das Verhalten "ich muss mich durch Lautstärke bemerkbar machen" mit den Konsequenzen "man kümmert sich dann um mich" positive Folgen hatte (keine Langeweile mehr, Gefühl der Leere unterdrückt), wurde es immer wieder eingesetzt und, da es zum Erfolg führte, auch noch im Erwachsenenalter beibehalten, wobei es sich - verstärkte Anstrengungen bei Nichterfolg - zu Wutausbrüchen steigerte.

Borderline und Beruf

Spaltung in Gut und Böse sowie impulsive Handlungen haben natürlich auch Folgen für Ausbildung und Beruf. Ein neuer Job kann zuerst wahre Begeisterungsstürme auslösen, bei kleinster (oder auch nur eingebildeter) Kritik kann sich das Blatt wenden, Chef und Kollegen werden komplett abgewertet, Fehltage häufen sich bis zur Kündigung. Auch ständige Umzüge in andere Orte tragen dazu bei, dass der Lebenslauf eines Borderliners häufig wechselnde Tätigkeiten zeigt.

Borderline und Selbstverletzendes Verhalten

Die häufigsten Arten der Selbstverletzung (also eines Verhaltens, bei dem die betroffenen Personen sich selbst absichtlich Wunden zufügen) sind das Ritzen (Aufschneiden oder Einritzen der Haut, meist der Unterarme, mit Messern oder Rasierklingen) und das Verbrennen (z.B. die Hände über eine brennende Kerze halten). Es kommen aber auch andere Formen vor, zum Beispiel das Schlagen des Kopfes an die Wand (kommt auch bei Autistischen Kindern vor), das Ausreißen der Kopfhaare (siehe Trichotillomanie) oder das Beißen in Arme oder Lippen.
Die Motivation zu diesen Selbstverletzungen ist ganz unterschiedlich: die Leere in sich selbst nicht mehr aushalten können, sich lebendig fühlen, sich betäuben, sich selbst bestrafen, Spannungen abbauen, sich real fühlen, Hilferufe aussenden.
Selbstverletzendes Verhalten kommt aber auch bei anderen Störungen vor, z.B. nach Missbrauchserfahrungen und anderen traumatischen Erlebnissen. Zahlen zur Häufigkeit in Deutschland sind nicht sehr zuverlässig, da viele Betroffene sich schämen und die Wunden anschließend nach Möglichkeit verbergen bzw. Ausreden suchen. Es ist jedoch die Rede von 1% der Gesamtbevölkerung in Deutschland sowie einer Überzahl der Frauen gegenüber den Männern von ca. 3:1. Es wird vermutet, dass sich bis zu 80% der Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung selbst verletzen.

Borderline und Suizid

Laut verschiedener Statistiken bringen sich 10% der Borderline-Patienten um. Meist wird ein Selbstmord vorher angekündigt, stellt einen Hilferuf an nahestehende Personen dar. Die Meinung "Wer vorher davon spricht, der macht es nicht" ist falsch. Ca 80% der Selbstmorde werden vorher angekündigt. Nach Pöldinger gibt es verschiedene, aufeinanderfolgende Phasen: Erwägung (die Möglichkeit eines Selbstmordes wird in Betracht gezogen), Ambivalenz (hier kommt es zu Hilferufen an die Umgebung, das Für und Wider wird gegeneinander aufgerechnet) und Entschluss. Ist der Entschluss gefasst, wirkt der Betroffene ruhiger, wodurch die Angehörigen sich in (falscher) Sicherheit wiegen und ihre Angst verlieren.

Borderline und Identität

Der Aufbau einer stabilen Identität stellt eine Entwicklungsaufgabe in der Jugendzeit dar. Dies ist hier aber nicht gelungen. Ein Mensch mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung weiß eigentlich nicht, wer oder was er ist (Identitätsdiffusion). Er erlebt sich nicht als stabil über verschiedene Situationen hinweg. Sein Selbstgefühl ist davon abhängig, mit wem er gerade zusammen ist und in welcher Situation er sich befindet. Deshalb verstärkt sich das chronische Gefühl der Leere, wenn er alleine ist, und er sich nicht einfach so verhalten kann, wie es von ihm erwartet wird.

Borderline und Selbstbild

Mangelndes Selbstwertgefühl, die Zweifel daran, liebenswert zu sein, und eine gestörte Selbstwahrnehmung verstärken das Gefühl der Minderwertigkeit. Hinzu kommen negative Erfahrungen im Beruf und in der Partnerschaft, die sich auf das Selbstbild ebenfalls negativ auswirken. Eigene negative Eigenschaften können auch bei sich selbst nicht anerkannt und respektiert werden, sie sorgen für eine komplette Ablehnung der eigenen Person. Wer keinen Wert für sich selbst hat, der sieht auch seinen Wert für den Partner nicht, so dass wiederum vorhandene Verlassenheitsängste verstärkt werden.

Borderline und Dissoziative Symptome

Dissoziative Phänomene sind bei Borderline-Persönlichkeiten nur vorübergehend, meist durch Stress ausgelöst:
· Depersonalisation (Gefühl, sich von außen zu betrachten)
Hierzu gehört auch die Fähigkeit kleiner Kinder, sich in Missbrauchssituationen geistig aus ihrem Körper entfernen, sich von außen zu betrachten, die Seele vom Körper zu spalten, und so vor dem unerträglichen Schmerz zu fliehen. Die eigenen Gefühle werden als fremd empfunden.
· Derealisation (Gefühl, dass die Umgebung unwirklich ist)
Kommt auch bei depressiven Störungen und Panikattacken vor (gelegentlich auch bei gesunden Personen).
· Dissoziative Amnesie (wichtige Erinnerungen fehlen)
Dies kommt gehäuft bei in der Kindheit sexuell missbrauchten Frauen vor. Die Erinnerungen an diese traumatischen Erlebnisse können erst Jahre oder Jahrzehnte später aufkommen. Es kommt zur Abspaltung von Gefühlen, Erinnerungen und/oder Wahrnehmung. Bei Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung kommen Dissoziative Symptome nur kurzfristig vor bzw. nur unter Stress, bei der Dissoziativen Identitätsstörung ständig und nicht nur in Belastungssituationen.

Therapie und Heilung

Aufgrund der vielfältigen Symptome muss sich auch die Therapie aus mehreren verschiedenen Bausteinen zusammensetzen. Zuerst einmal muss der Patient über das Krankheitsbild informiert werden, da es viele falsche Vorstellungen darüber gibt, und die Möglichkeit eines Suizidversuches muss erörtert werden.
Dann ist es wichtig, Motivation herzustellen oder zu sichern, damit die Betroffenen überhaupt ein längerfristiges Arbeitsverhältnis eingehen können. Da ja das schnelle Abbrechen von Beziehungen und das völlige Abwerten einer anderen Person im Falle von Kritik oder als Kritik verstandenen Äußerungen gerade die typischen Probleme sind, ist die Gefahr eines verfrühten Therapieabbruches groß.

Wichtig sind auch folgende Punkte:
· Erlernen von Möglichkeiten eines "gesunden" Abbaus von Spannungen, zum Beispiel durch Sport, Meditation oder ablenkenden Maßnahmen,
· Abbau von Drogenkonsum,
· Stabilisieren von unterstützenden Beziehungen,
· Umgang mit Krisensituationen,
· Wahrnehmung von Gefühlen,
· Übernahme der Verantwortung für das eigene Verhalten,
· Aufarbeiten von traumatischen Ereignissen.

Zu nennen ist hier auf jeden Fall die Dialektisch-behaviorale Therapie von Borderline-Persönlichkeitsstörungen (DBT) von M. Linehan.



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